| Nicht zu retten |
Nicht zu rettenEiner in der Klasse ist immer der Nichtpionier, der Außenseiter, der Klassenfeind, den Elke Urban nie drannimmt, wenn er sich meldet. "Thälmannpioniere lieben den Frieden und hassen die Kriegstreiber!", ruft die Lehrerin in die Klasse. Kein Schüler widerspricht. Bald werden sie vom Jung- zum Thälmannpionier. Der Heimatkundeunterricht muss das vorbereiten. Vorne, über der grünen Tafel, lächelt Erich Honecker milde auf die Klasse herab. Auch seiner Frau Margot, die mit lila Haar über die DDR-Volksbildung wacht, würde die linientreue Lehrerin Elke Urban gut gefallen. Mehrmals in der Woche gibt Elke Urban, die im wirklichen Leben Leiterin des Leipziger Schulmuseums ist, Unterrichtsstunden nach originalen Lehrplänen aus der sozialistischen Einheitsschule. Für ihre Besucher, Schulklassen aus ganz Deutschland und dem Ausland, die die DDR nie selbst erlebt haben, sind das Einsichten in ein Schülerleben in der Diktatur. "So haben wir das nie erlebt, so war das nicht", protestiert so mancher Lehrer, der selbst noch in der DDR unterrichtet hat und die Zeitreise in die eigene Vergangenheit kaum erträgt. "Je länger die DDR weg ist, umso schöner wird sie", kommentiert Urban solche Reaktionen ironisch. Wer lange genug verklärt und vergessen hat, macht die sozialistische Volksbildung am Ende zum Besten, was die DDR je hatte. Aber war die DDR-Schule jemals mehr als eine Funktionsschule zum Machterhalt der politischen Klasse, durchdrungen von ideologischer Indoktrination und Erziehung zur Unwahrheit? Gab es jenseits von Entmündigung, Entmutigung und Demütigung etwas Gutes, das es wert gewesen wäre, zu retten und zu bewahren? Eine Frage, die im vereinigten Deutschland lange tabu war. Die DDR-Schule gehörte auf den Giftmüll der Geschichte, genau wie das Land, das sie entworfen hatte. Ohne Trauer hatten sich 17 Millionen DDR-Bürger von ihrem immerhin 40 Jahre alten Schulsystem verabschiedet, und lange schien es, als hätten sie jegliche Erinnerungen daran gleich mit begraben. Eine ernsthafte politische Auseinandersetzung über eine Beibehaltung oder Weiterentwicklung der polytechnischen und erweiterten Oberschule der DDR gab es nach dem Mauerfall nicht. Das System hatte sich durch die Verlogenheit seines Staatsbürgerkundeunterrichts, durch Fächer wie Wehrkunde und Zivilverteidigung und die zunehmende Militarisierung des gesamten schulischen Lebens (Fahnenappelle, Pioniermanöver, Weitwurf mit Handgranaten-Attrappen) selbst diskreditiert. Jegliche Form von Verweigerung führte zu Repressionen. Der Staat konnte behindern und sanktionieren, wen und wo immer er wollte. Allein ein politischer Witz, zu viel Kontakt zur Westverwandtschaft konnten den Weg zum Abitur verbauen. Mit einer auf zwölf Prozent eingefrorenen, am volkswirtschaftlichen Bedarf orientierten Abiturquote hatte die DDR das Niveau eines Entwicklungslandes erreicht. Kein Wunder also, dass der Drang nach einem ungehinderten Zugang zum Abitur, die Flucht auf die Gymnasien, der Wunsch nach frei wählbaren Bildungslaufbahnen zu Wendezeiten den Takt vorgaben, nach dem sich die Neugestaltung des Schulsystems in den östlichen Bundesländern richtete. "Für eine subtilere Abwägung im Urteil über das Vergangene blieb uns gar keine Zeit", erinnert sich Jan-Hendrik Olbertz, selbst in Ost-Berlin geboren und seit 2002 parteiloser Kultusminister in Sachsen-Anhalt. "Es musste verhindert werden, dass sich die alten Verhältnisse reproduzieren. An der Bildungsfrage hing ein großer Teil der Glaubwürdigkeit der friedlichen Revolution." Den Blick zurück durfte es damals nicht geben. Heute ist er wieder erlaubt. "Da sollte man die Souveränität besitzen, die Dinge zu würdigen, die die DDR-Schule gut gemacht hat, denn einiges wurde damals auch vorschnell über Bord geworfen", sagt Olbertz. Woran erinnern wir uns? An Patenbrigaden und Schulspeisung? Was aber soll das gewesen sein, das Gute und Erhaltenswerte an der DDR-Schule? Woran genau dürfen wir uns nun erinnern, jetzt, da alle Spuren verwischt und vernichtet sind? ? An die Polytechnische Oberschule, in der alle Schüler acht und in den letzten Jahren der DDR sogar zehn Jahre gemeinsam lernten - egal, wie begabt oder leistungsschwach sie waren, egal, aus welchem Elternhaus sie stammten? ? An die Lehrpläne, Schulbücher und Prüfungen, die im ganzen Land gleich waren? ? An die Selbstverständlichkeit, mit der man in der DDR-Schule naturwissenschaftlichen Fächern das Stigma der Unzugänglichkeit und Unverständlichkeit nahm und Mädchen in diesen Fächern die gleichen Fähigkeiten zutraute wie Jungen? ? An das pädagogische Prinzip "Keinen zurückzulassen", durch das es anscheinend gelungen ist, die leistungsstarken Schüler zu motivieren, ohne die schlechten aus den Augen zu verlieren? ? Sollen wir uns an das Fach "Produktive Arbeit" erinnern, die enge Verbindung von Schule und Arbeitsleben, bei der Schüler gelangweilte Tage in dreckigen Fabrikhallen verbrachten, weil es nichts zu tun gab? An Patenbrigaden und Ernteeinsätze? An die Spezialschulen für Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften oder Sport, an denen handverlesene, von Talentsuchern aufgespürte Kinder gedrillt wurden? An Nachmittags- und Ferienbetreuung, bezahlbare "Schulspeisung", Hausaufgabenhilfe oder die Hausbesuche der Lehrer in den Familien ihrer Schüler? "Die DDR-Schule war nicht rettbar", sagt Jürgen Baumert, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. "Auch die positiven Aspekte, die in dieser Schule steckten, waren an das politische System gekoppelt. Sowohl das schulische als auch das außerschulische Leben waren gleichgeschaltet mit der Partei." Mit dem Zerfall des politischen Systems seien auch alle Vorzüge der DDR-Schule hinfällig gewesen. Dennoch: 20 Jahre nach ihrem Untergang steckt das vereinigte Deutschland in einer Bildungsdebatte, deren Dauerthemen allesamt von Problemen handeln, denen sich die DDR-Schule bereits gestellt hatte. Trotzdem vermeidet es jeder, der nun in Schleswig-Holstein oder Berlin die ersten Gemeinschaftsschulen als revolutionäres Ereignis feiert, tunlichst, mit der sozialistischen Einheitsschule in Berührung gebracht zur werden. Ungeachtet der flächendeckenden Hortbetreuung in der DDR, misst sich nun der Modernisierungswille der einzelnen Bundesländer an der Zahl ihrer Ganztagsschulen. Kultusminister übertreffen sich im Wettlauf um die effektivste Schulreform, schaffen Hauptschulen ab, verlängern die Grundschulzeit, um die Zahl der Schulabbrecher zu reduzieren. Gleichzeitig kämpft Deutschland um Nachwuchs in den naturwissenschaftlichen Fächern, weil es verlernt hat, Kinder und Jugendliche für Mathe und Physik zu begeistern. Kam das Ende der DDR für die damals noch weitgehend modernisierungsresistenten westdeutschen Bildungspolitiker zehn Jahre zu früh? "Zum Zeitpunkt der Wende konnte man vieles von dem, was das DDR-Erziehungssystem an neuen Impulsen hätte ausstrahlen können, in Westdeutschland überhaupt nicht akzeptieren", sagt Jürgen Baumert. Angefangen bei der Ganztagskrippe über die Nachmittagsbetreuung an den Schulen, das längere gemeinsame Lernen bis hin zur Fürsorgepflicht und Verantwortung der Lehrer gegenüber den Leistungen ihrer Schüler - all das sei negativ besetzt gewesen. Andererseits, sagt Baumert, wisse man heute, dass sich sowohl das Abitur nach zwölf Jahren als auch die Zweigliedrigkeit in Westdeutschland nie durchgesetzt hätten, wenn sich Bundesländer wie Sachsen und Thüringen nach der Wende nicht geweigert hätten, jede Blaupause aus dem Westen zu übernehmen. Für ihre weise Voraussicht, dass die Hauptschule vor allem Bildungsverlierer entließ und das Abitur nach 13 Jahren international nicht mehr anschlussfähig war, ernteten sie damals nur Proteste. "Was aber wäre passiert", fragt der Bildungsforscher Hans-Günter Rolff vom Institut für Schulentwicklungsforschung in Dortmund, "wenn man im Osten Deutschlands die bestehende Einheitsschule, befreit von aller Ideologie und politischer Einflussnahme, erhalten hätte, während die Schüler in Westdeutschland weiterhin das dreigliedrige Schulsystem durchlaufen hätten?" Eine historische Chance sei damals verspielt worden, sagt Rolff. Denn nach einigen Jahren hätte man an diesem Experiment wunderbar ablesen können, welche Schulform zu den besseren Leistungen führt. Schweden hatte seine Hauptstadt Stockholm in den fünfziger Jahren rigoros in zwei Teile zerlegt. Die Schülerschaft der einen Hälfte wurde an Gesamtschulen unterrichtet, die anderen besuchten weiterhin das gegliederte Schulsystem. Jahre später, nach Auswertung der Befunde, entschied sich Schweden, die Gesamtschule im ganzen Land einzuführen, alternativlos. Aber Anfang der neunziger Jahre gab es für Deutschlands Bildungspolitiker keinen Anlass, die Schweden zu beneiden. Auch von den Erfolgsmeldungen aus Finnlands Gemeinschaftsschulen, die sich einst vom Schulsystem der DDR inspirieren ließen, ahnte niemand etwas. Das böse Erwachen aus der eigenen Selbstherrlichkeit brachten erst internationale Leistungsvergleiche wie Timss und Pisa Jahre später. Dabei hatte Anfang der 1990er Jahre die Längsschnittstudie Biju Bildungsverläufe in Ost und West untersucht und bemerkenswerte Leistungsunterschiede entlang der einstigen Grenzlinie gefunden. Siebtklässler aus Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt schnitten in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern deutlich besser ab als gleichaltrige Schüler in Nordrhein-Westfalen. Es fiel auf, dass es im Osten weniger schlechte Schüler im unteren Leistungsbereich gab und die Förderung der schwachen Schüler offensichtlich nicht auf Kosten der Leistungsspitze ging. "Damit hat sich für uns bestätigt, dass die Philosophie, keinen zurückzulassen, in der DDR wirklich gelebt wurde", sagt Olaf Köller, Direktor am Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel. Umso ernüchternder das Ergebnis der Nachuntersuchung vier Jahre später: "Kaum waren die ostdeutschen Schüler im westdeutschen Schulsystem angekommen, hatten sich ihre Leistungen an das niedrige Niveau angeglichen." Die Ostschule blieb trotzdem verpönt. Erst als im vergangenen Jahr plötzlich die sächsischen Schüler die unerwarteten Sieger im Pisa-Ländervergleich wurden und nach den Ergebnissen der Iglu-Grundschulstudie ausgerechnet Thüringens Kinder als die besten Leser im Land gefeiert wurden, fragte sich Deutschland plötzlich wieder: Wie macht der Osten das bloß? Jede Bildungskarriere wurde staatlich gelenkt Das Geheimrezept der neuen Bildungselite entpuppte sich als simple Mischung aus Tradition und Erneuerung. Die ostdeutschen Länder haben sich viel von dem bewahrt, was für die DDR-Schule einst typisch war. Das Prinzip Leistung gilt hier immer noch. Disziplin wird bewertet. Schwache Schüler bekommen die Hilfe, die sie brauchen. 80 Prozent der sächsischen Lehrer haben noch klassische Ostbiografien, sind geprägt von Polytechnischer Oberschule und der Lehrerausbildung der DDR. Ihre Verantwortung jedem einzelnen Schüler gegenüber haben sie nie abgelegt. Mit den westdeutschen Bildungsdebatten, den Schuldzuweisungen an nicht ausreichend unterstützende Elternhäuser, dem späten Abschied von der "Kuschelpädagogik", die ihnen immer fremd blieb, konnten sie wenig anfangen. Zu Sachsen passt aber auch, dass die naturwissenschaftlichen Fächer eine so große Rolle spielen wie in sonst keinem anderen Bundesland. Fünf Spezialschulen mit mathematisch-naturwissenschaftlicher Vertiefung sichern den Ruf des Freistaats als Ingenieurschmiede Deutschlands. Schon in der DDR sorgten 54 Spezialschulen dafür, dass Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Sport mit passgenauem Nachwuchs versorgt wurden. Jede Bildungskarriere wurde anhand festgelegter Planzahlen gelenkt. Das politische Raster regelte aber selbst für die Eliteschüler, wer nach der zehnten Klasse das Abitur an der Erweiterten Oberschule (EOS) machen durfte. Kinder bürgerlicher Schichten und religiös gebundener Familien wurden zunehmend ausgeschlossen. Zur EOS wurde delegiert, Eltern hatten kein Mitspracherecht. In puncto sozialer Ungerechtigkeit hatte die DDR-Schule damit sogar das hochselektive Schulsystem der Bundesrepublik übertroffen. Vom großen Gedanken der Chancengleichheit war am Ende des Sozialismus nicht mehr viel geblieben. "Die Zeit" Nr. 46 vom 05.11.2009 Seite: 75 Jeannette Otto |
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